logo Home Projekt Buch Archiv Diskussion E-Mail

Quellen

Links

Hinweise

Jahreschronik

Themen:

Autonome

Themenchronik

 

aus: radikal Nr.114, März 1983     

Gratwanderung und Gletscherspalten

Vor etwa 15 Jahren leiteten Gruppen wie die westberliner Tupamaros oder die Haschrebellen, die erste Phase in der Entwicklung bundesdeutscher Bandenmilitanz ein. 2. Juni und RAF ließen nicht lange auf sich warten - und 1973 übernahm zum ersten Mal eine Revolutionäre Zelle die Verantwortung für einen Anschlag.

Diese Zeit markiert nicht nur erste Versuche sich mit allen Mitteln gegen die Väter des und 4. Deutschen Reiches zur Wehr zu setzen, sie sind auch der Beginn eines Erfahrungsprozesses, der in diesem Land von Grund auf neu begonnen werden mußte.

Das Verhältnis zwischen dem traditionellen legalen Widerstand und dem sich neu entwickelnden illegalen Teil war von Anfang an, und ist es bis heute, gespannt. Angst, Mißtrauen und Borniertheit, auf beiden Seiten, machen die Auseinandersetzung schwer. Erst zu Beginn der 8Oer-Revolten lockerten sich die internen Fronten.

Wir wollen auf den folgenden Seiten versuchen, einen Teil der gelebten Geschichte aufzuarbeiten, um bestimmte kollektive Prozesse nicht als ständiges Ritual zu wiederholen, sondern gemachte Erfahrungen in der Praxis umzusetzen. Avantgarde, Distanz, Mythos, sowie Kontinuität und Konsequenz sollen in dieser Einleitung als Stichworte genügen.

Auf der Suche nach Entwicklungsspuren organisierter Militanz, haben wir uns hauptsächlich auf die Revolutionären Zellen beschränkt, da sie für uns heute, von allen vergleichbaren Gruppen, die mit der größten politischen Relevanz sind.

Im übrigen erheben wir mit diesem Artikel weder Anspruch auf Vollständigkeit, noch auf die einzig vertretbare Position - gell.

Uns gehts im Moment vielmehr darum, wie wir als "Umfeld und Unterstützer" mit den neuen Stars umgehen, bzw. ob der entstandene Mythos der "Organisation RZ" unseren gemeinsamen Widerstand, im Moment nachlassender radikaler Basiskämpfe (der VoBo ist noch nicht so weit, daß er unter dieser Kategorie berücksichtigt werden kann), vorantreiben kann, oder ob wir nicht (schon wieder) dabei sind, unser subversives Handeln im Gefühl aufkommender Ohnmacht der avantgardistischen Arbeitsteilung zu opfern. Denn nicht nur der Staat knüpft am verschlungenen Gesetz des Mythos vom Staatsfeind Nr.1.

Einerseits delegiert die subjetive Hilfslosigkeit Taten gern an den allmächtigen Zauber der Heiligen. Je schwieriger das eigene Handeln scheint, desto lauter dröhnt im Chorgesang das Halleluja auf die Guerilla. Helden sind das Opium des (Fuß-)Volks. Andererseits läßt ein "tötet Lummer! RZ" an einer Berliner Hauswand, oder ein mit RZ erklärter Stein in einem Scheibchen den Verdacht aufkommen, das der Mythos dem Simplen die besondere Note verleiht - was sich übrigens nicht gegen Steine in Scheiben als solches richten soll.

Ja, ja - wir wissen, das klingt schon wieder ganz nach unserer "bourgeois sozialisierten Überheblichkeiten" (0-Ton aus einem Leserbrief). Doch unser bei solchen Themen immer wieder aufkommender Zynismus entspringt nicht etwa einer zu großen Distanz, sondern vielmehr der ungeduldigen Nähe. Und goldene Kälber reizen nun mal - zur Ketzerei, versteht sich. Zum Beten fehlt uns der Glaube.

So opferten wir schon mal die "Internationale Solidarität" unserem Endzeit-Bewußtsein, Sandinistas und PLO mußten auf dem Altar der Autonomie solange Ader lassen, bis ihre blutleeren Masken jede Faszination eingebüßt und unser Un-Gott besänftigt war. Doch nicht nur in der Ferne riskierten wir eine dicke Lippe. Die Jagd im eigenen Revier war mindestens ebenso einträglich. Mag sein, daß der Glaube so mancher Sekte an die eigene Unfehlbarkeit zu tollkühnen Taten verleitet, allein der Sieg im hiesigen Volkskrieg rückt dadurch nicht näher. So mußten Identifikationspotentiale von RAF bis zur eigenen Bewegung ständig Federn lassen - oft mehr als überhaupt dran waren. Daß uns die Priester dafür mit dem Bannspruch bestraften, nahmen wir mit arrogantem Lächeln in Kauf. Canossa ist - und bleibt - uns unbekannt. Doch genug davon. Bevor wir selbst im Predigerrock erwischt werden, wechseln wir lieber wieder das Thema - und blättern weiter.

Fische im Wasser

Ein erklärter Anspruch aller militant organisierten Gruppen, so auch der Revolutionären Zellen, war schon immer, in Zeiten eher flauer Basisbewegungen, Kontinuität im Widerstand zu demonstrieren.
"Die Guerilla schafft es, diesem Kampf durch ihre über den Massenwiderstand hinausgehende Organisation eine Kontinuität zu verleihen, ihn immer wieder zu eskalieren oder auch zurückzunehmen, durch eigene Initiativen das Kampfniveau zu heben, neue Kampfformen, Kampfziele anzubieten, immer größere Teile des Volkes in diesen Kampf einzubinden".  (Revolutionärer Zorn Nr.6)

Dagegen scheint erst mal nichts einzuwenden zu sein. Doch das Problem, daß sich solche Gruppen gerade durch diesen Anspruch zur Avantgarde ernennen, indem sie ersatzweise für die Bewegung handeln, führte bisher immer wieder zu Distanz und zwangsläufiger Abgehobenheit. Außerdem wollen wir hier mal unterstellen, daß es neben den vorgegebenen "objektiven" Gründen für die Kontinuität, noch mindestens ebenso wichtige, doch nicht offen benannte, "subjektive" Motive gibt. Aktionen, die anderen zeigen sollen, daß der Kampf weitergeht, sind für die eigene Identifikation mit der Rolle des Revolutionärs noch viel bedeutender. Denn gerade in flauen Zeiten muß der Revolutionär sich selbst beweisen, daß sein Weg richtig und sein Ich wichtig ist.

Vielleicht wäre es mal an der Zeit, diese Strategie der "einsamen Kontinuität" grundsätzlich zu überdenken. Vielleicht wären die Erfahrungen aus mehrjähriger militanter Praxis jetzt in einer VoBo-lnitiative besser aufgehoben, als im heroischen Kampf gegen den US-Imperialismus. Und vielleicht wäre jetzt, nach beinahe 15 Jahren Theorie und Praxis "bewaffneter Gruppen", und vor allem nachdem sich das "Modell RZ" 1981 und 82 zum ersten Mal vor dem Hintergrund revoltierender Basisbewegungen verbreitern konnte, der richtige Zeitpunkt, sich einmal wieder ein paar grundsätzliche Gedanken zu machen, um aus den Erfolge und Fehlern dieser 15 Jahre zu lernen.

Wir können in dieser Republik auf keine längere Tradition des militanten Widerstands zurückblicken. Nahezu alle Erfahrungen sind in deutschen Gaskammern verreckt. Noch heute gipfelt das politische Bewußtsein "unserer" Bürger in bajuwarischer Staatsloyalität oder grün-friedlicher Halbherzigkeit. Hier ist noch lange kein Krieg in Sicht - zumindest kein Volkskrieg; kein Wasser als notwendiges Element des Fisches.

RAF, 2.Juni und RZ's haben die ersten Erfahrungen mit organisierter Militanz gemacht - so auch die ersten Fehler. Und wenn wir darauf rumreiten, dann nicht um zu diffamieren, sondern um zu lernen, um positive Ansätze rauszufiltern und auszubauen. Erstmal finden wir es wichtig, endlich mit der falschen Analyse der RAF sowie Teilen vom 2.6. und RZ aufzuräumen, daß die objektiven gesellschaftlichen Verhältnisse hier die Strategie eines Guerilla-Krieges rechtfertigen bzw. notwendig machen. Jede Theorie und vor allem jede Praxis von revolutionärer Kriegsführung kam bisher zu dem Ergebnis, daß diese Strategie nur dann mit Erfolg angewendet werden kann, wenn die wichtigste Voraussetzung erfüllt ist, nämlich die inhaltliche und praktische Verankerung im Großteil der Bevölkerung. Diese Voraussetzung ist und war in diesem Land nach 1945 noch nie gegeben. Teile des 2. Junis und der RZ's haben das sehr wohl erkannt. So steht z.B. im Revolutionären Zorn vom Januar 81:

"Angriffe gegen zentrale staatliche Institutionen halten wir zur Zeit für politisch unmöglich: wir können die Machtfrage nicht stellen! Wir führen keinen Krieg! Wir stehen vielmehr immer noch am Anfang eines langwierigen, mühseligen Kampfes um die Köpft der Menschen - nicht in irgendeiner Etappe um einen militärischen Sieg!"

Wie sich diese Einschätzung der RZ's allerdings mit einem Teil der Aktionen (z.B. dem Anschlag auf Karry und auf das Hessische Wirtschaftsministerium, im Zusammenhang mit dem Widerstand gegen die Startbahn) in Einklang bringen lassen, ist uns vorerst noch unklar.

Bleiben wir mal bei den Revolutionären Zellen. Wir glauben, daß wir eine kritische Aufarbeitung der ersten acht Jahre (1973-81) kaum besser leisten können, als die RZ's selbst mit Auszügen aus ihrer 6.Zeitung zu Wort kommen zu lassen. Die folgenden Passagen verstehen sich als selbstkritische Verarbeitung der eigenen Geschichte, in einer Schärfe und Qualität, wie sie die RAF niemals leisten konnte oder wollte. Doch nicht deshalb veröffentlichen wir sie zu diesem Zeitpunkt. Einmal vermissen wir jetzt, 2 Jahre nach dem Erscheinen dieser "Reflexionen", noch jede praktische Konsequenz, und zum zweiten drängen sich bestimmte Parallelen zwischen 1973/74 und 1982/83 auf. Wir finden den folgenden Text für die heute im Zusammenhang mit organisierter Miltanz anstehenden Fragen hochaktuell.

Vom Kern zur Zellteilung

1973, als eine Revolutionäre Zelle erstmals namentlich Verantwortung für Aktionen übernahm, hatten wir uns am Ausgangspunkt von Massenbewegungen geglaubt, die die verschiedensten Sektoren der Gesellschaft erfassen würden. Anzeichen gab es zu Genüge: die Streikwelle, die auf Fabriken wie Hoesch, Mannesmann, John Deere, Klöckner usw. überschwappte, signalisierte eine für deutsche Verhältnisse neue Qualität in den Kampfzielen und -formen, an den Fabriktoren der Kölner Fordwerke kristallisierten sich Umrisse einer sich autonom organisierenden multinationalen Arbeiterklasse heraus.

Gleichzeitig gärte es in den Stadtteilen. Die Jugendbewegung hatte mit dem Kampf für selbstverwaltete Jugendzentren wieder ein verbindendes politisches Motiv gefunden, das bis in die kleinsten Provinzstädte widerhallte. In den Hausbesetzungen kam radikaler Wille zum Durchbruch, sich tatsächlich das zu nehmen, was wir brauchen. Mit dem Schwarzfahren, dem Ladenklau, dem Krankfeiern wurden andere Formen des Widerstands als eminent politisch entdeckt, die bis dahin lediglich privaten Charakter hatten. Zu gleicher Zeit entwickelte sich in rasantem Tempo mit der Frauenbewegung eine neue politische Kraft, (...).

Vor diesem Hintergrund entstand ein Konzept bewaffneten Kampfes, in dem die Stärkung der Massenninitiativen durch klandestin operierende autonom und dezentral organisierte Gruppen der erste Schritt eines langwierigen Angriffs auf die Macht sein sollte.

"Was wir wollen, ist, die Gegenmacht in kleine Kernen organisieren, die autonom in den verschieden gesellschaftlichen Bereichen arbeiten, kämpfen, intervenieren, schützen, die Teil von der politischen Massenarbeit sind. Wenn wir ganz viele Kerne sind, ist die Stoßrichtung für die Stadtgtierilla als Massenperspektive geschaffen." (Revolutionärer Zorn Nr.1)

Die Kriterien, denen eine solche Praxis unterlag, nämlich Orientierung an gesellschaftlichen Konflikten, Vermittelbarkeit von Aktionen, Nachmachbarkeit, Verteidigung erkämpften Gegenmilieus, zeigen worum es uns schon damals ging: um das Bewußtsein der Menschen, um die Zerstörung des Gefühls der Ohnmacht, um Überwindung der Hoffnungslosigkeit, also um den Kampf gegen jene spezifischen Formen der Verelendung, wie sie für die Metropolen charakteristisch ist. Rückblickend ist es leicht, hinter dieser Sorte von optimistischer Vorausschau auch Naivität gegenüber der tatsächlichen Bewegung revolutionärer Prozesse vermuten.

Und auch die Hoffnung, die Klassenbewegung wäre einmal ins Rollen gekommen, aus sich heraus fähig zu Kontinuität, erwies sich als Illusion. Weder sollten sich die verschiedenen Bewegungen in jener Geradlinigkeit fortentwickeln, die wir unterstellt hatten, noch sprang aus der Initiative einer "Handvoll Kämpfer" der Funke über, der den Steppenbrand hätte entfachen sollen. Die Zeiten für die Vermassbarkeit illegaler Politik standen fürs erste schlecht. Der Zerfall der Bewegung erwies sich als unaufhaltsam. Die sozialliberale Einkreisung der Jugendrevolte zeigte erste Wikungen:

Während sie der Mehrheit der mittelständischen Schichten des Massenprotestes mittels Amnestie und Hochschulreform eine Weg zurück offen gehalten hatte, um sich so langfristig deren Fähigkeiten zu sichern, präsentierte sie sich eine Etage tiefer von ihrer rüderen Seite. Mit Bullenrazzien und einstweiligen Verhaftungen machte sie alle verfrühten Hoffnungen darauf, daß die eroberten Freiräume (wie das Georg von Rauch-Haus) schon Bastionen einer neun Gesellschaft seien, ein rasches Ende. An die Stelle der radikalen Utopie, die Fantasie, Selbstbestimmung, Entschlossenheit bedeutet hatte, trat nüchterne Realpolitik in deren Folge die Auflösung der Einheit der Bewegung ihre verklärende Bemäntelung erfuhr.

Die objektive Entwicklung hatte einer Praxis bewaffneten Widerstands teilweise den Boden entzogen, der Bezugspunkt, der Adressat unserer Politik - die Jugendrevolte hatte sich in die Basisprojekte aufgelöst und darüber fundamentale Elemente des ursprünglichen Selbstverständnisses preisgegeben, ein gemeinsamer Nenner, Voraussetzung des inneren Kontaktes zwischen Guerilla und Bewegung, existierte nicht mehr.

Für uns, die wir ungeachtet dessen an dem Ziel einer Massenguerilla festhielten, bedeutet dieser Prozeß zweierlei:

(1) Mit der Zerspliterung der Bewegung reduzierte sich die Bedeutung gesellschaftlicher Konflikte, in denen die Linke präsent war, auf Auseinandersetzungen, die nur in den seltensten Fällen wenigstens lokale Außmaße erreichten. Ob nun die Forderung nach einer Klimaanlage in einer Fabrik oderdie Propaganda gegen die Sanierungsprojekte in einem Stadtteil oder der Ärger über einen besonders miesen Vermieter - all diese Aktivitäten wurden nicht mehr als Teil eines ganzen begriffen, sondern waren Ausdruck weitgehend isolierter und gruppenspezifischer Interessen. Da es hunderte solcher Konflikte gab, mußten Aktionen zwangsläufig einen gewissen Grad an Beliebigkeit haben. Die typische Auseinandersetzun innerhalb derer bewaffnete Politik ihre Funktion und konkrete Wirksamkeit hätte faktisch unter Beweis stellen können, war eine leere Wunsch vorstellung.

Da theoretische Verpflichtung und praktische Möglichkeiten ohnehin in einem disproportionalem Verhältnis standen, stieg die Tendenz, auf symbolische Interventionen auszuweichen. Benennbare konkrete Zielsetzungen gerieten in den Hintergrund, während das Argument, es ginge um den Nachweis, daß illegaler Widerstand in diesem Land überhaupt möglich ist, zunehmend an Gewicht gewann. Kontinuität entwickelten wir nicht am einzelnen "Fall", sondern anhand der Tatsache, daß es von Zeit zu Zeit und hier wie dort überhaupt mal wieder brannte und krachte.

Erschwerend wirkte sich aus, daß eine personelle Verbindung zu den verschiedensten Gruppen und Initiativen unter den gegebenen Bedingungen nahezu ausgeschlossen war, wir folglich mehr und mehr von Diskussionen abgeschnitten und auf indirekte Informationen angewiesen waren, um die Objekte, die Zielrichtung, die Form und den Zeitpunkt von Aktionen zu bestimmen. Klar, daß sich damit das Risiko erhöhte, ungenau, abstrakt, unverständlich zu bleiben. Und selbst in den Fällen, wo Aktionen der Guerilla Erfolge hatten, wo sie auf Zustimmung und Sympathie stießen, also populär waren, zogen wir nur selten die richtigen Schlußfolgerungen. Fixiert auf eine nicht-existente Einheit der Bewegung liefen wir dem falschen Adressaten hinterher, anstatt zu registrieren, in welchen Teilen der Gellschaft bewaffnete Politik tatsächlich Hoffnung und Kraft freisetzen konnte.

Die einseitge Ausrichtung am Stand von Bewegungen, ohne gleichzeitig den sozialen Bezugspunkt der eigenen Praxis zu definieren, hatte zur Folge, daß wir die tatsächlichen Folgen solcher Aktionen, wie die gegen Kaußen, das Verteilen von Fahrscheinen etc., nur selten angemessen zu werten wußten.

(2) Als Folge dieser Schwierigkeiten, aber auch als Kritik am Zerfall der Linken, der sich mit erschreckender Ignoranz und Gleichgültigkeit gegenüber gesellschaftlichen Prozessen paarte, die sich jenseits der eigenen Unmittelbarkeit durchsetzten, veränderte sich die Stoßrichtung unserer Aktionen. Statt sich an dem zu orientieren, was die Bewegung machte, gingen wir dazu über, die Bewegung an dem orientieren zu wollen, was wir für politisch brisant und notwendig hielten. Durch eine exemplarische Praxis sollten verlorengegangene Inhalte wieder ins Bewußtsein gerückt, frühere Gemeinsamkeiten wieder benannt werden. Die Kampagne gegen die Fahrpreiserhöhung in verschiedenen Städten der BRD und Westberlin stehen für den Versuch, die Linke dadurch zu remobilisieren, daß an alte Traditionen angeknüpft und zugleich die Möglichkeit der Wiederaufnahme dieser Tradition mittels neuer, nämlich illegaler Methoden demonstriert wurde.

Gleiches galt für die internationalistischen wie für die "staatsfeindlichen" Aktionen - mit ihnen sollte jene antiimperialistische und antiinstitutionalistische Dimension des Massenprotestes wieder in Erinnerung gerufen werden, die die Linke auf dem Marsch an die Basis weitgehend hinter sich gelassen hatte.

Mit der Veränderung der Stoßrichtung unserer Aktionen änderte sich auch unter er Hand das organisatorische Selbstverständnis. Wir begriffen uns zunehmend weniger als integrierter Teil einer Bewegung, ohne jedoch gleichzeitig zu reflektieren, daß wir uns unmerklich in die Rolle der seibsternannten Avangarde wiederfanden. Die Entäuschung über die Entwicklung der Linken verschaffte sich Raum in einem uneingestandenen globalen Führungsanspruch gegenüber eben dieser Linken. Das ursprüngliche Selbstverständnis "endlich Subjekt sein zu wollen in diesem Kampf' anstatt" andere in den jeweiligen Bereichen agitieren zu müssen und zu können" (Revolutionärer Zorn Nr.1) geriet in den Hintergrund angesichts der als vordringlich empfundenen Aufgabe, die Kontinuität der Bewegung gerade in Zeiten ihrer Zersplitterung aufrechtzuerhalten.

Fortan ging es deshalb weniger darum, innerhalb der Aktivitäten der Linken zu wirken als auf die Linke einzuwirken; in der Tendenz wurde die eigene Linie zur einzigen Linie, wurde die Aktionen zu Appellen, die Erklärungen zu Vorwürfen; aus Vielfalt drohte Unvereinbarkeit zu werden, aus Differenzen Gegensetzlichkeiten, aus unterschiedlichen Prioritäten Rangstufen in einer Hierarchie politischer Wertigkeit. So trugen die internen Prozesse aus sich heraus zu jener Auseinanderentwicklung von Bewegung und illegaler Gruppe bei, die im Herbst 77 ihren einstweiligen Höhepunkt erreichte.

Gerade in einem Land wie der BRD - einem Land mit ohnehin nur schwach entwickelter Klassen- und Massenbewegung - kann ein solcher Auseinanderfall bedeuten, daß die Guerilla buchstäblich auf dem Trockenen sitzt. Zu keinem Zeitpunkt war die Kluft zwischen legaler und illegaler Linker größer und für die Herrschenden die Gelegenheit somit günstiger, der Guerilla mit integrativen wie repreissiven Maßnahmen "das Wasser abzugraben", das deren politische, moralische und logistische Existenzberechtigung ist. Kein Wunder also, daß sich der heimliche Innenminister Herold gerade in dieser Situation eines Kitson erinnerte und einen neuen Akzent in der "Terrorismus"-Bekämpfung setzte: nun gelte es, das "terroristische" Umfeld lahmzulegen, den Sumpf auszutrocknen, um dann in einem zweiten Schritt die auf sich gestellten Kerne endgültig abzuräumen. Wir können hier nur bruchstückhaft beschreiben, in welche Sackgasse eine Gruppe zu geraten droht, die das Problem ihrer Basis vernachlässigt.

Als eine Tendenz innerhalb der Bewegung lebt die Guerilla von wechselseitigem Austausch mit dieser, und zwar in einem wesentlich umfassenderen Sinne als dem der bloß materiellen Unterstützung. Die Basis in der Linken gibt dem Einzelnen den notwendigen moralischen Rückhalt wie sie der Gruppe insgesamt erst ihren perspektivischen Zweck verleiht. Zerbricht dieser Zusammenhang, so reduziert sich der Kampf um ein menschenwürdigeres Leben sehr schnell auf einen Kampf um's nackte Uberleben. Die Organisation ursprünglich nur Mittel zum Zweck, rückt in den Mittelpunkt; ihrem Erhalt wird alles andere nachgeordnet:

1. Die Sorgfalt und Verantwortung gegenüber jedem einzelnen Militanten werden dem Zwang zur Reproduktion geopfert. Durch persönlichen Einsatz muß er wettmachen, was die Struktur nicht mehr gewährleistet. Es mag paradox klingen, ist in der Tendenz dennoch real: bei dem Versuch zu überleben, geht die Gruppe das Risiko ein, ihre letzten Kräfte zu verschleißen.

2. An die Stelle von Kontinuität, Zeichen der Stärke einer Guerilla, treten sporadische Anschläge oder das große Schweigen, da ihre Kräfte durch den Zwang zur Selbstversorgung zunehmend anderweitig gebunden sind. Das Dilemma gipfelt in der gleichermaßen falschen Alternative, daß politische Aktionen entweder gänzlich abgeblasen werden, oder aber quasi als Ausgleich zur fehlender Kontinuität das Spektakel gesucht wird.

3. Obwohl eine Lösung des Dilemmas wesentlich von der Überwindung des Bruchs mit der Bewegung abhängt, tendiert die Gruppe zum entgegengesetzten Extrem: sie sondert sich ab, nicht nur weil ihr nun die Zeit für den inneren Kontakt fehlt, sondern auch, weil sich aus der Not heraus der eigene Maßstab verschiebt. Alles was läuft, wird daran gemessen, ob es der eigenen Gruppe zugute kommt oder nicht. Das linke Spektrum wird in zwei Lager getteilt: wer uns hilft ist unser Freund, wer uns Unterstützung versagt, ein Gegner.

Da sie über den eigenen Horizont kaum noch hinausschaut, verliert die Gruppe mit der Zeit den Sinn für tatsächliche Entwicklungen und damit überhaupt die Möglichkeit, ihre Isolierung zu Überwinden. Die zwangsläufige Folge sind Ausweichmanöver:

- die fehlende politische Unterstützung wird durch den Versuch einer technischen Spezialisierung ausgeglichen;

- dem Verschleiß an Kräften folgt die Auflösung der autonomen und dezentralen Strukturen, um als zentralisierte Gruppe überhaupt noch handlungsfähig zu sein.

- angewiesen auf Ünterstützung geht die Gruppe "Bündnisse" ein und riskiert dabei den Verlust ihrer Autonomie, gerade weil sie in der Regel ein Produkt der Schwäche sind.


Soweit die Selbsteinschätzung der Revolutionären Zellen. Zwar erkennen sie klar, daß ihr Verhältnis als militante "Organisation" zu den Basisbewegungen immer ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht wird. So werden sie in einem Interview, veröffentlicht in der Autonomie Nr.4/5, noch deutlicher:
"Es ist eine Gratwanderung entweder man wirft uns vor, wir würden uns an eine Bewegung anhängen, oder wir würden uns isolieren."
Doch auch heute noch hinkt die Praxis der Zellen dem eigenen Diskussionsprozeß hinterher. Die Konsequenz fehlt.

Zu dem selben Ergebnis ist auch ein Teil der Autonomen aus der Atiti-Startbahn-Bewegung gekommen. Im Widerstand gegen die Flughafenerweiterung haben die RZs eine wichtige Rolle gespielt und ihre "begleitenden" Aktionen waren Zündstoff für grundsätzliche Diskussionen. Deshalb auch hier ein längerer Textauszug - diesmal hat die "Basis'' das Wort:

Thesen zur Anti-Startbahnpolitik der Revolutionären Zellen

1. Revolutionäre Bewegungen lernen nur aus ihren Fehlern und Niederlagen. Die damit verbundenen Erfahrungen können nicht einfach erdacht werden. In unserer Kritik an der konkreten Politik der RZ in Zusammenhang mit der Bewegung gegen die Startbahn-West soll unser eigener Standpunkt, Praxis und Theorie miteinbezogen werden. Es soll der Versuch gemacht werden die Aktionen der RZ zu messen an:
- ihrem eigenen Anspruch und Konzeption,
- an der Bedeutung der Anti-Startbahnbewegung als Massenbewegung
- soweit vorhanden, an Grundsätzen revolutionärer Politik.

2. Der unserer Meinung grundlegende Unterschied im Selbstverständnis von RZ und RAF bestand darin, daß die RZ sich als militanter Teil linksradikaler Bewegung in der BRD begriff und weniger als Avantgarde mit der ML-Ideologie. Ihre grundsätzliche Überlegung ging davon aus, den Entwicklungsstand der Klassenauseinandersetzung in der BRD zugrundezulegen, was sich in der Vermittelbarkeit der Aktionen (Sympathie des Volkes) und in dem Versuch, voraussehbare Folgen miteinzukalkulieren, niederschlug, sowie im Anspruch, unmittelbar auf bestehende gesellschaftliche Bewegungen Einfluß zu nehmen.

3. In ihren Aktionen in Rahmen des Kampfes gegen den Bau der Startbahn West schwanken die RZ jedoch zwischen Sabotageaktionen, die sich eng an der Bewegung orientieren und Aktionen, die diese Ebene verlassen und Angriffe auf Symbolfiguren und Machtzentren des hessischen Staatsapparates darstellen.

4. Die Angriffsaktionen (Anschlag auf Karry, ehemaliger Wirtschaftsminister, Frühjahr 81, Bombenanschlag auf das hessische Wirtschaftsministenum, Dezember 81) dokumentieren in praktischer Ausführung und politisch-theoretischer Begründung eine derartige Fülle von Fehlern, sodaß für uns deutlich wird, daß die RZ weder politisch noch praktisch in der Lage ist, Aktionen, die den Staat zentral angreifen, durchzuführen. Zudem widersprechen sie den eigenen, im Januar 81 formulierten Grundsätzen der RZ.

5. In ihrem Verhältnis zur Massenbewegung sind die RZ immer mehr dazu übergegangen, den Anspruch, an Massenbewegungen anknüpfen zu wollen, dadurch zu erfüllen, daß sie die Massen mittels ihrer Aktionen zur Militanz oder Offensive erziehen wollen, wobei Brand- und Sprengstoffanschläge als pädagogischer Rohrstock dienen. Ein solches erzieherisches Verhältnis kann nicht akzeptiert werden, weder von den Linksradikalen noch von der bis ins bürgerliche Lager reichenden Anti-Startbahnbewegung.(...) Zudem fällt auf, daß die RZ wenig von den realen Auseinandersetzungen und Erfahrungsprozessen innerhalb dieser Bewegung weiß.

6. Trotz dieser Kritik waren die RZ die Haupträger der militanten Politik, welche bestrebt war, eine Kontinuität und Weiterführung des Kampfes gegen die Startbahn als Symbol dieses imperialistischen menschenfeindlichen Systems herzustellen. (...)

Erläuterungen zu den Thesen

Exemplarisch soll auf folgende Aktionen der RZ eingegangen werden:

a) Anschlag auf den damaligen hessischen Wirtschaftsminister Karry (FDP) im Frühsommer 81
b) Anschlag auf das Funkfeuer in der Nacht vom 2/3.11.81
c) Die Bombe vorm Wirtschaftsministerium

- Die "Selbstkritik", man habe Karry nur ins Knie schießen wollen, enthält überhaupt keine Reflexion über die grundlegende Veränderung, d.h. darüber, wie es kommen kann, daß etwas ganz anderes herauskommt, als man geplant und angestrebt hat. Es wird sogar cool zum Nicht-Problem erklärt, indem auch für die Zukunft das Inkaufnehmen von Toten propagiert wird. Damit wird ein "Egalfaktor" eingebaut, der die Frage Leben-Tod zu einem nebensächlichen, eher technischen Faktor werden laßt.

- In den Gedankengängen der Akteure findet ebenfalls kein Zutritt, welche Wirkung die einkalkulierte unmittelbare Gefährdung eines weiteren Menschen, Kartys Frau, auf die Beurteilung durch die Masse des Volkes hat - ebenso die Nichterwähnung. Gut, diese Wirkung können wir nicht im einzelnen begründen, für uns ist es ein ganz dicker Kritikpunkt.

- Überhaupt vermittelt die ganze Art und Durchführung (nachts im Bett erschossen, knapp über seine Frau hinweg) genau das Bild, welches die Regierung immer von den Militanten oder "Guerilla" zeichnen: Terrorkommandos, welche für alle bedrohend sind.

- Die Erklärung, in dem Teil, wo sie sich auf Linke bezieht, wohl um die eigene Position darzustellen, ist ausgesprochen schlampig; wichtige Bereiche, wie Häuserkampf, fehlen. In dem Teil, wo sie glaubt, den Tod Karrys erläutern zu wollen, nur eine globale Verantwortlichkeit als Kapit alverbrecher feststellen kann, was wiederum bedeuten kann, daß jeder, der für das System arbeitet, Funktionen besetzt, mit dem Tod als Bestrafung durch Revolutionäre rechnen muß - pauschal. (...)

Konfrontieren wir diese Fehler in der Aktion und in der Erklärung mit grundsätzlichen Überlegungen aus der 6. Zeitung der RZ (1/81), so wird deutlich, wie diese Aktion den formulierten Prinzipien widerspricht. Der Unterschied zwischen RZ-Strategie oder besser grundsätzlicher Überlegung und RAF-Konzeption war bisher, den Entwicklungsstand der Klassenauseinandersetzung in der BRD zugrundezulegen, was sich in der Vermittelbarkeit der Aktionen (Symphatie des Volkes) und in dem Versuch, voraussehbare Folgen mit einzukalkulieren, niederschlägt; sowie in dem Anspruch, unmittelbar auf bestehende gesellschaftliche Bewegungen Einfluß zu nehmen. a.) Der Anschlag erfolgte als sich über die Person Karrys am deutlichsten das Kapitalinteresse formulierte, welches über die SPD-Koalition durchgesetzt werden sollte: Durchsetzung der drei Großprojekte, Startbahn 18 West, Ausbau des AKW Biblis, Errichtung Wiederaufbereitungsanlage in Hessen, um nach dem vorläufigen Scheitern des Gorlebenprojektes das Atomprogramm voranzutreiben.(...)

Wenn überhaupt, so befanden sich die Bewegungen gegen die drei Großprojekte in der Anfangsphase des Protestes. Die Bewegung gegen die Startbalin verteilte sich auf "Zwei Beine", Volksbegehren und Waldverteidigung (Hüttendorf).

Der Anschlag auf Karry sollte (vergl. spätere Erklärung) eine "Bestrafungsaktion" darstellen, um die Verantwortlichkeit dieses Mannes für die imperialistische Politk anzuprangern und die Möglichkeit des Angriffs auf zentrale Figuren des Kapitals und seiner Regierung zu demonstrieren.
Die Durchführung der Aktion und ihr Ergebnis (Tod Karrys) stimmen mit Plan und Ziel nicht mehr überein. Die vermuteten Verwicklungen Karrys in dubiose Geschäfte und seine engen Kontakte zu Israel, sowie ein fehlendes Bekennerschreiben und der Art des Anschlags (im Bett erschossen) ließen uns zuerst auf einen Anschlag entweder aus der Profiunterwelt oder auf Faschos schließen. Es folgten von allen Seiten Distanzierungen. Positive Reaktionen gab es auch aus der militanten Scene nicht; auch wenn keine Tränen vergossen wurden.

Jedenfalls erschreckend, daß die "bewaffnete Aktion" so austauschbar erschien - die ersten Reaktionen auf die Erklärung der RZ waren, daß sie nicht stimmt, daß ein "Dementi" erfolgen müßte, denn sie enthielt soviel Ungenauigkeiten und war so unpräzise.

Die RAF leitet ihre Anschläge im wesentlichen aus der eigenen theoretischen internationalistischen Analyse bzw. Einschätzung ab. Der praktische Ausgang des Anschlags auf Karry jedoch rückt ihn von der Qualität (Tod) einer zentralen Figur des politischen Machtgefüges) auf die RAF-Ebene; dies jedoch nicht aufgrund einer Theorie. Von daher erhöht sich die schädliche Auswirkung, weil sie die Glaubwürdigkeit herabsetzt.

Die Fehler werden nicht dadurch wettgemacht, daß in der Erklärung der Bezug auf die Anti-Startbahnbewegung enthalten ist. Im Gegenteil, entweder handelt es sich um eine immense Selbstüberschätzung oder eher um eine tiefgehende Fehleinschätzung der Bewegung, was wiederum Beleg für die Nichtverbundenheit mit dem Massenwiderstand ist. (...)

Letztlich ist es aber für die revolutionäre Politik zu wenig, lediglich die "Angreifbarkeit bestimmter Machträger" in einzelnen Aktionen zu propagieren.

b). Die Erklärung benennt als Anlaß die Hüttendorfräumung am 2.11. "unser Kampf gegen den Flughafenausbau ist nicht zu trennen vom Kampf gegen Ausbeuter- und Kapitalinteresssen der NATO-Staaten (gegen imperialistischen Krieg) und ihren Krieg gegen uns; so ist mit der Räumung des Hüttendorfs unser Kampf noch lange nicht zu Ende." Politisch wendet sich die Aktion - als Antwort - gegen den Bullenterror als Versuch, Basisopposition zu zerschlagen und als - Angriff - gegen den Flughafenausbau als v.a. dem NATO- Kriegskonzept dienend. Die unmittelbaren Reaktion waren sehr unterschiedlich (mal abgesehen von denjenigen, die die Art solcher Aktionen prinzipiell ablehnen):

- Als unmittelbare Antwort auf die brutale Räumung und Zerstörung des Hüttendorfs, auf die Angriffe der SEK gegen den Massenwiderstand hat es die FAG getroffen und ihr materiellen Schaden zugefügt.

- Die Aktion hat gegen den Konsens verstoßen, die Flugsicherung nicht anzugreifen. Sie hat nicht zur Klärung der Frage beigetragen, wie der Startbahnbau zu verhindern und der Massenwiderstand weiterzuentwickeln ist. Zudem hat sie Spaltungsversuchen zwischen BI und Militanten erleichtert. Im Nachhinein kann festgestellt werden, daß diese Aktion, wie auch spätere Sabotageaktionen gegen Baufirmen nicht zu einer Spaltung geführt haben. Gerade weil sie klar ersichtlich neben und unabhängig von den Massenaktionen abgelaufen sind.

c) Die Erklärung der RZ enthält wiederum 2 Teile:
"Reißt die Mauern ein" richtet sich an die Startbahngegner. In ihr wird die Gefahr der Passivität erkannt, und deswegen zur Ausnutzung der derzeitigen Schwäche der Bullen durch offensive Rückeroberung aufgefordert, um Bedingungen zu schaffen. Aber welche?

Die Bombe auf die politisch Verantwortlichen als Symbol für die Notwendigkeit, diesen Staat anzugreifen, auch an seinen zentralen Stellen? Der Kernsatz der Erklärung:
"Dort (im Wirtschaftsministenum) werden zur Zeit drei Großprojekte in Angriff genommen : NATO-Startbahn West, WAA, Block C Biblis und weitere AKW's sind geplant.(...)
Gegen diesen umfassenden Krieg des Kapitals kann kein punktueller, sondern ein ebenso umfassender, gemeinsamer Widerstand erfolgreich sein. Es wird dabei auch und v.a. darauf ankommen, Wege, Formen und Mittel zu finden, die die Möglichkeit und das Ziel beinhalten, Ausbeutung und Unterdrückung, ökologische Zerstörung und Krieg abzuschaffen und einer Gesellschaft Platz zu machen, in der wir Menschen sein können. Wir haben heute versucht, einen Beitrag zu diesem langen Kampf zu geben."

Die Kritik an dieser Aktion schließt neben den technischen Fehlern, die die Bombe nicht und v.a. nicht zum richtigen Zeitpunkt zünden ließ, die bisher bekannten praktischen Umstände, wie auch die Verquickung von Bombe und Erklärung mit ein. Konkret: Stimmen die Zeitungsmeldungen, so war der Fundplatz der Bombe geeignet, eher und völlig unpräzise Menschen zu treffen und zu verletzen und nicht das Objekt bzw. politische Repräsentanten. Dies zu rechtfertigen wird schwerlich möglich sein. Bisher liegt auch keine Erklärung hierfür vor. Gleichzeitig zeigt sich, daß anscheinend keine ausreichende Auseinandersetzung stattgefunden hat, welche politische Konsequenz der Einsatz von Sprengstoff mit sich bringt, insbesondere die Nichtausschließbarkeit einer diffusen Streuwirkung.

Fraglich bleibt darüber hinaus: Was diente wem? Die allgemeine Abhandlung imperialistischer Politik zur Rechtfertigung der Bombe oder die Bombe, um die Aufmerksamkeit auf die allgemeine theoretische Darlegung zu lenken? Wenn eine Gruppe, die sich als Guerilla öder militant/bewaffnet begreift, was zu sagen hat, kann sie das dann nur mittels einer Aktion?

Beides paßt nicht zusammen. Eine innere Notwendigkeit wird nicht ersichtlich. Andererseits versuchen die RZ mit dem versuchten Anschlag eine Gefährlichkeit gegenüber den Zentralstellen der Macht, des Staates, durch die Bereitschaft ihn anzugreifen, zu dokumentieren. Unsere Kritik richtet sich ja nicht grundsätzlich gegen Bomben auf Ministerien. Es dürfte auch klar sein, daß hier eine andere Ebene, Qualität erreicht wird, als Sabotageakte gegen Bagger, sowie Massenmilitanz. Trotzdem kann der Symbolgehalt nicht übersehen werden. Symbolgehalt deswegen, weil eine Beschädigung und nicht eine Lähmung oder Zerstörung innerer Einrichtungen des Ministeriums die unmittelbare Folge gewesen ware. Das heißt, die Aktion hätte den Inhalt der Erklärung - Sturz des kriegstreibenden Systems - symbolisch getragen.

Allein die Massenwirksamkeit eines auf Revolution zielenden Symbols ist gering. Die radikale Linke hat den Anschlag nur zur Kenntnis genommen, aber kann nichts damit anfangen. Auch die aktuelle Einschätzung wird durch die Bombenverbindung von denen, die die Massenmilitanz tragen sollen, eher entfernt als nahe gebracht. Es ist ja nicht so, daß die Leute dann jubeln: hurra-das Wirtschaftsministerium ist getroffen, jetzt stürmen wir den Bauplatz.

Diese Bombenaktion und der Karryanschlag sind vergleichbar: beide verlassen die Ebene der Sabotage und beschreiten die Ebene der Kriegserklärung an die Machtzentren. Beide weisen in der praktischen und politischen Durchführung schwere Fehler auf. Dies sollte den Aktivisten zu denken geben. Genauso bedenklich ist es aber auch, daß in der Szene keine Diskussion darüber stattfindet. Man könnte meinen, es juckt überhaupt niemanden oder die militanten Aktionen werden pauschal kritik- bzw. beziehungslos konsumiert.

Symbiose

Daß für die RZ's die Frage nach der Distanz zur Bewegung schon einige Mal anstand, zeigt nachfolgender historischer Einschub. Nicht nur der deutsche Herbst 77 bewirkte einen Bruch in der Theorie und Praxis militant kämpfender Gruppen. Bereits in der Zeit zwischen der ersten und der zweiten Ausgabe des Revolutionären Zorns (Mai 75 bis Mai 76) schien zum ersten Mal ein Widerspruch, was das Verhältnis zu Massenkämpfen anbelangte, bei den RZ's aufzubrechen. War die in der Nr.6 zitierte Analyse aus der Nr.1 noch die der Revolutionären Zelle, so endete die Nr.2 bereits mit der Parole "Schafft Revolutionäre Zellen".

Oberflächlich betrachtet war diese 'Zellteilung' eine durchaus logische Konsequenz in Richtung "Stadtguerilla als Massenperspektive" - nur die Entwicklung von Massenbewegungen zu dieser Zeit nahm einen etwas anderen Verlauf. Die Zersplitterung der verschiedenen Teilbereichsbewegungen ließen alles andere als die rasende Vermehrung "autonomer kleiner Kerne" vermuten, der erhofften Stoßrichtung für die Stadtguerilla fehlte der entscheidende Impuls. Die mit der Zersplitterung der Bewegungen gleichzeitig eingeleitete 'Zellteilung' suggeriert, daß die Revolutionäre Zelle genau diese Schwäche der Teilbereichskämpfe erkannte und nun ihrerseits zum ersten Mal vor der Alternative stand, als einzelner Stadtguerilla-Kern weiterzumachen, oder sich der Bewegung zurückzuführen.

Die Zellen schienen der erste Versuch zu sein, den fehlenden Impuls zu geben, allerdings immer noch mit der Perspektive Stadtguerilla und einem gehörigen Schuß Volkserziehung. Bezeichnend dafür folgende Passage aus der Nr.2:

"Angesichts dir Verallgemeinerung der wirtschaftlichen, politischen und militärischen Gewalt, können sich der revolutionäre Prozess, Massenbewegungen von Anfang an nur gegen bürgerliche Legalität entfalten, muß die Kampfform der Guerilla annehmen, dabei schrittweise Illegales, Nicht-Erlaubtes legalisierend durchsetzen. (.) Die Aufgabe der revolutionären Linken ist es dabei nicht, die Kämpfe des Volkes kommentierend zu begleiten, sondern zu zeigen, wie sie möglich sind, wie sie verteidigt werden können. Die Stadtguerilla unterstützt die Kämpfe des Volkes durch Angriffe gegen seine Feinde, baut einen illegalen Apparat auf der neue Aktionsformen ermöglicht. (...) Die Die Stadtguerilla trägt die Momente des Antiimperialismus in die nationalen Auseinandersetzungen.

In der aktuellen Situation, dh. wahrscheinlich für einige Jahre, gebt es darum, die demoralisierenden Auswirkungen der konterrevolutionären Politik auf die Linke und die kämpferischen Teile des Volkes zu stoppen, Krisenpolitik, Arbeitslosigkeit, Verteurung des Lebens wirksam anzugeben, die Interventionen der BRD in Europa mit dem Aufbau einer internationalen Front zu beantworten. Bewußsete und und illegale Aktionen sind dabei ein notwendiges Mittel der Resignation entgegenzuarbeiten, die scheinbare Unverletzlichkeit und behauptete Allmacht des Systems zu verletzen, einige der Schweine zur Verantwortung zu zieben."

Kernstück ihres damaligen Selbstverständnisses war also die Organisierung der Stadtguerilla. Kommt uns die Frage, was die RZs eigentlich unter Guerilla verstehen. Einzelne Aktionen, eingebettet in Bewegungen, machen noch keine Guerilla aus, auch wenn Angriffe auf Figuren und Institutionen der Macht versucht und gemacht werden. Ein Modell von autonomen Gruppen, die sich organisieren, hat zumindestens wenig mit "Guerilla" zu tun.

Bis zum Herbst ,77 schien sich nicht viel an dem neuem Konzept und der Theorie geändert zu haben - äußerlich. Daß bei Entebbe und OPEC einige Genossen/innen einer etwas anderen Linie als der Bewegungsorientierten folgten, läßt Diskussionsprozesse erahnen, die eben diesen Widerspruch (Verhältnis kontinuierlich kärnpfender Gruppen zu Massenkämpfen) als Kristallisationspunkt hatte. Der wohl augenscheinlichste Bruch in der Geschichte militanter Gruppen bildete dann der deutsche Herbst.

Und genau zu diesem Zeitpunkt liefen wieder Diskussionen bezüglich des Verhältnisses zu Massenbewegungen, die dann zu einer völlig neuen Orientierung zumindestens eines Teils der RZs in Richtung subversiver Aktion unter völliger Aufgabe des Konzepts Stadtguerilla führte. Ein Aufhänger dieser Diskussionen war die Anti-AKW-Bewegung, die 1977 mit Malville, Grohnde und Kalkar einen entscheidenden Höhepunkt fand:

"Nach Grohnde war uns klar, daß eine Steigerung der Massenmilitanz am Bauzaun keine realistische Perspektive mehr war. (...) Bei uns führte der deutsche Herbst und die Krise der AKW-Bewegung dazu, daß wir ander als illegale Aktionen für unmöglich hielten und die politische Wirkung anderer Widerstandsformen unterschätzten. (...)

Zu unserer Perpektive

Vorweg müssen wir sagen, daß wir hier nur für einen Teil der RZ sprechen können.
(...) im Unterschied zu 1974/75 ist die Ökologiefrage heute für ein entscheidendes Problem. Es gibt für uns kein hierarchisches System von Aktionen, ganz unten steht das Flugblattverteilen und ganz oben die bewaßste Aktion. Ein Denken in hierarchischen Kategorien siebt Aktionen unter dem Gesiehtspunkt der Leistung und bleibt so in einem patriarchalisch -kapitalistischem Denken verhaftet. Die Üherwindung legaler Strukturen und legalistischen Denkens ist die Voraussetzung der Entwicklung einer freien Gesellschaft. Grundlage des legalistischen Denkens ist, daß Aufklärung in der spätkapitalistischen Gesellschaft leicht zum Konsum wird und so die den verrechtlichten Verhältnissen verhaftenden Denkstrukturen nicht aufgebrochen werden können. Die ökonomische Gewalt und andere Gewaltverhältnisse sind als rechtmäße verinnerlicht und diese Gewalt muß wieder sichtbar gemacht werden durch Verletzung der Legalität. Damit versuchen wir, auch in der Form des Widerstandes unser Ziel zu verdeutlichen und erfahren dies gleichzeitig als ein subjektiv befreiendes Moment. Unsere subversiven illegalen Aktionen sind ein Mittel legalistisches Denken zu brechen und zu einer Stabilisierung der militanten antiinstitutionellen Linken beizutragen. (...) Wir verstehen uns als Teil der Anti-AKW-Bewegung und nicht als deren bewaffneter Arm." (Autonomie 4/5)

Diesem eher der Subversion verbundenen Ansatz von bewaffneten Kampf stellte sich die gleiche Fragestellung wie 1975: sollte um der Kontinuität willen der Kampf in den Zellen wie bisher fortgeführt werden, oder gab es eine flexiblere Verhaltensweise auf die jeweilige politische Situation einzugehen. Diese Frage wurde weiterhin nicht eindeutig beantwortet.

Bereits in der nächsten Massenbewegung, der der Anti-Startbahn-Kämpfe klinkten sich beide Linien der RZs voll wieder ein; es fanden sowohl Anschläge statt, die auf die "Fraktion" schließen lassen, die offensichtlich weiter an der Analyse von 76 (siehe obiges Zitat aus der Nr.2) festhielt und ein eher pädagogisches Verhältnis zur Bewegung bewährte, als auch jene, die an den Erfahrungen aus den Anti-AKW Kämpfen anknüpfte - beide mit der Zielrichtung, eine treibende Kraft für, bzw. in der neuen Bewegung zu sein.

Bleibt die Antwort auf das Kernstück der ganzen Diskussion: die Frage nach der Relevanz von kontinuierlich kärnpfenden Gruppen zu stellen bzw. eine Konsequenz aus der kritisierten Konsequenzlosigkeit zu skizzieren. Zweifelsohne sind für die Teilbereichskämpfe der letzten Zeit (Anti-AKW-, Anti-Kriegs-, Startbahn West- und Häuserkampfbewegung) 15 Jahre Erfahrungen bewaffneter Gruppen ein entscheidendes Moment gewesen. Durch diese Kontinuität war die Vorraussetzung für ein grundsätzlich radikaleres Verhältnis zur Militanz geschaffen. Die Entstehung vieler autonomer Gruppen - und Zellen - sowie guerilla diffusa schienen eine fast selbstverständliche Folge zu sein, die unmittelbar an gemachte Prozesse anknüpfte. Und die Notwendigkeit eben dieser Kontinuität wird auch für zukünftige Auseinandersetzungen unbestreitbar bleiben. Entscheidend hingegen ist das Verhältnis zu den jeweils pulsierenden Aufständen: Wir kritisieren, daß die RZs es bis heute nicht geschafft haben, dem allmählich entstandenen Mythos, der sorgsam von den Bewegungen genährt und gepflegt wurde, wirkungsvoll etwas entgegenzusetzen. Leise - aber kontinuierlich - entwickelte sich aus einem Modell eine Art Organisation; laufen heute Aktionen der RZs, so haben sie immer den Charakter des Besonderen - des Abgehobenen, Avantgardistischen.

Anstatt von außen, wie auch immer, Erfahrungen an jeweilige Bewegungen heranzutragen, sollten die Genossen/innen in ihnen leben - ohne Etikett. Oder spielt der Name etwa eine Rolle? Eine wertvolle Kontinuität zu wahren, heißt sich darüber auszutauschen und zu reflektieren - nicht das erhobene Dogma zu verinnerlichen. Und daß Bewegungen, verharren sie einmal regungslos in gespannter Sehnsucht nach dem Neuen, ihre Delegierten finden, ist absolut nichts Neues.

Zellen - ab in die Bewegung !! nach oben